Jul 29 2008
Glenn Gould über Mozart – Ein Interview mit Bruno Monsaingeon
Gould: Nun, ich lehne sie ebenfalls ab.
Monsaingeon: Ich bin nicht sicher, ob Du das tust. Du lehnst das Werk ab, und das ist nicht die gleiche Sache.
Gould: Nein, lehne den bilateralen Ansatz bei Mozart ab. Ich glaube nicht, dass seine gelegentlichen Flirts mit der Schwere/Tiefe eine Split-Screen-Analyse des Outputs erlauben.
Monsaingeon: Das ist nicht genau das gleiche, was ich sagen würde.
Gould: Aber das setzt nicht automatisch voraus, dass Tiefgründigkeit nur im Dur liegt.
Monsaingeon: Nun, schau her, ich sah kürzlich Bergmans Film der Zauberflöte, welches bestimmt nicht zu Deinen Lieblingswerken zählt, und, trotz meiner Vorstellung, was ein schlechter Soundtrack sei, war ich von dem Klang der Musik selbst sehr bewegt, was man natürlich als sinnliche Antwort ansehen kann – aber ich glaube das nicht. Ich glaube, es ist etwas gänzlich Spirituelles. Aber es wäre auch abscheulich schwierig ein richtiges Wort für das Gefühl zu finden, und ich glaube nicht, dass irgendeines der stereotypen Adjektive über Mozart es jemals beschreiben könnte.
Gould: Aber, wie Du siehst, wir können zu viel protestieren, Bruno. Ich glaube, wenn Generationen von Zuhörern – insbesondere Laien, weil sie gewöhnliche intuitive Ansichten über Musiker haben – haben es für geeignet gehalten, Adjektive wie „Leichtigkeit“, „Frivolität“, „Edelmut“, „Spontaneität“ für Mozart zu verwenden, es obliegt uns daher zumindest über die Gründe für diese Attributierung nachzudenken – welche nicht auf dem Fehlen von Anerkennung und Wohltätigkeit begründet sind. Ich glaube, dass für eine Menge Menschen – und ich zähle mich dazu – die Worte nicht eine Kritik über das, was Mozart anzubieten hat, implizieren, sondern einen Hinweis, was er nicht anbietet. Ich denke immer an ein außergewöhnliches Konzept aus einem Essay über Mozart von dem Theologen Jean Le Moyne, der ein sehr empfänglicher musikalischer Laie war. In dem Essay versuchte Le Moyne Griffe für das Finden, was ihn von Mozart abhielt. Und er fand heraus, dass er in seiner Jugend jeglicher Kunst misstraute, die wie er sagte, „Anspruch auf Selbstgenügsamkeit“ hatte, er aber später gewahr wurde, dass Genialität irgendetwas mit der Fähigkeit, die Welt zu verstehen, zu tun hat, und er gleichwohl fortfuhr, von jedem Künstler das zu verlangen, was er als „die Polarisation, die Eile und den Fortschritt“ bezeichnete, das er in den Leben der Mystik beobachtete
Monsaingeon: Ich nehme an, er fand keine Worte für Mozart.
Gould: Nein. Tatsächlich mochte er Mozarts Don Giovanni, und von Cherubino behauptete er, dass er vom Wehrdienst zurückkam. Er sagte das – und ich habe es für unser Gespräch aufgeschrieben, damit ich ihn nicht falsch zitiere – „trotz seiner leichte Grazie und Virtuosität besitzt Don Giovanni sich nicht selbst genug, um definitiv Unbedingtheit zu haben, und unerschüttlich zur Stille des Seins zu marschieren.“
Monsaingeon: Ich bewundere die Poesie, aber weiter kann ich dem nicht folgen.
Gould: Auch ich kann dem nicht weiter folgen, weil das für mich alles über Mozart aussagt, oder zumindest was man jetzt sagen kann. Also, versuchen wir es nächstes Jahr wieder?
Monsaingeon: Mit Vergnügen!
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